Die Stille nach dem Sturm

von Franziska Kucera in Gedanken

Ein Wortstatt-Bericht über Corona-Kapriolen im Homeoffice

"Ist ein Mitglied der Familie in Quarantäne, ist der Rest auch daheim gefangen."

Lange bleiben wir "verschont". Dann sitzen wir ab Anfang Dezember immer wieder und auch den gesamten Januar über mit mindestens einem Kind zu Hause. Oft mit beiden gleichzeitig. Meist aufgrund von Quarantänemaßnahmen. Zwischendurch auch mal wegen anderer Nicht-Kindergarten-kompatibler-Bazillen (ja, die gibt es auch noch).

Alle gleichzeitig sind wir nur ein einziges Mal betroffen. Aber was macht das für einen Unterschied? Ist ein Mitglied der Familie in Quarantäne, ist der Rest mehr oder weniger auch daheim gefangen. Da wir beide berufstätig und in wichtigen Projektphasen sind, bedeutet das zwei Ruhe brauchende Eltern im Home-Office mit zwei vor Energie strotzenden Kindern im Home-Kindergarten.

Unser Tagesablauf sieht dann so aus: Die Frühschicht geht an meinen Mann. Gegen 10 Uhr darf ich ran, bis die Kleine wieder aus dem Mittagsschlaf erwacht. Während mein Mann weitestgehend ungestört arbeiten kann, klopft es während meiner Schicht mindestens fünfmal an der Tür, erschallt regelmäßig ein verlangendes "MAMA, MAMA!" hinter der Bürotür und werden kleine (ja, zuzugeben auch sehr süße) Basteleien unter der Tür durchgeschoben – wir haben hübsche alte Bauernhaustüren aus Holz, aber auch mit hübsch vielen Ritzen …

Ein Blatt Papier mit einer Kinderzeichnung (Einhorn) und der Aufschrift "Für Mama" liegt auf einem hellen Holzboden, zur unter einem Türspalt. Die Tür ist ebenfalls aus hellem Holz.
"Mama, du hast Post!"

Gerne sind die lieben Töchter dann auch in Tanzlaune. Klar, die Energie muss ja auch irgendwo hin. Der tiefgründige Text ihres derzeitigen Lieblingsliedes und das Mitgegröle dringen auch bis zur mir durch: "Seht mal an, seht mal an: Jetzt kommt Flitze Flattermann. Mal ist er cool, mal ist er heiß, und manchmal dreht er sich im Kreis (…). Ok, es geht los: Wolle wickeln, Wolle wickeln, alle wickeln wunderbar." … Mir verwickelt es derweil vorm PC im Zimmer nebenan das Hirn. Tiiiiiief durchatmen – "So lange ich atme, hoffe ich" habe ich die Tage in einem Kinderbuch (!) gelesen. Sehr beruhigend. Auch für die Auftragsakquise im Homeofficekindergarten.

Dann, nach Wochen, ist es tatsächlich so weit: Ich habe von einem Tag auf den anderen Haus und Heimbüro wieder für mich alleine! Beide Kinder können und dürfen wieder in den Kindergarten. Und mein Mann genießt die lang ersehnte Freiheit im Münchner Büro. Kein Getrampel, Gekreische und Gegackere, das ich beim Zoom-Meeting ausblenden müsste. Niemand, der neben mir raschelt oder telefoniert. Ach, wie schön still es ist.
So still.
Arg still.
Als auf einmal das Telefon schrillt, zucke ich zusammen, und mein Herz poltert mir bis zum Hals hinauf.

Screenshot eines Zoom-Meetings zwischen Frank Martin Siefarth und Franziska Kučera vom Medien- und Redaktionsbüros DiE WORTSTATT.
Zoom-Meeting mit Kinderbastelei

Da muss sich ein Teil von mir plötzlich eingestehen: Es ist eine leere Erleichterung. Auch temporäres Alleinsein löst in diesen Zeiten in mir eine unangenehme Unruhe aus. Ich merke, es hat durchaus auch etwas Wohltuendes, wenn die ganze Familie beieinander und miteinander arbeitet. Oder zumindest ein menschliches Wesen und nicht nur der PC neben mir vor sich hin brummt.

Der andere Teil von mir, der der Stille liebt und die Durchschnaufpausen dringend braucht, macht sich hingegen keine Illusionen: Die Ruhe wird nicht lange walten. Das Chaos und Flitze Flattermann werden "dank" Corona nicht das letzte Mal die Herrschaft übernommen haben und wie ein Sturm durch unsere Wohnung und über meine Nerven hinweggebraust sein. Ich tröste mich damit, dass irgendwann auch wieder andere Zeiten kommen werden. Irgendwann.