Sprache und Erinnerung

von Jutta Siefarth in Redaktion

Sprachphilosophische Gedanken zu Edgar Selges literarischem Debüt

"Eine Erinnerung ist noch keine Erzählung. Soll sie das werden, beginnt die Fiktion."

Gerade habe ich ein bemerkenswertes Buch gelesen: »Hast du uns endlich gefunden« aus der Feder des bekannten Schauspielers Edgar Selge. Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Inhalt – es geht um seine Kindheitserinnerungen zwischen Musik und Strafvollzug (der Vater war Gefängnisdirektor in Herford, und die Familie wohnte in einer Dienstwohnung direkt neben dem Gefängnis) –, sondern vor allem die Form, die sich aus dem speziellen Erzählton ergibt. Da ist zum einen das Präsens, in dem der Autor aus der Perspektive des Kindes, das er einmal war, berichtet. Das lässt eine unglaubliche Nähe aufkommen, es zieht den Leser geradezu in die Geschichte hinein. Da ist aber zum anderen der Erzähler, der die Erinnerungen des Kindes auf einer höheren Ebene reflektiert: "Eine Erinnerung ist noch keine Erzählung. Soll sie das werden, beginnt die Fiktion."

Buchcover von Edgar Selge, "Hast du uns endlich gefunden": Hinter einem lichten Vorhang steht ein Holz-Sprossenfenster halb geöffnet nach draußen.

Tatsächlich besteht eine Erinnerung ja zunächst einmal nicht aus Wörtern (es sei denn, wir erinnern uns an einen Dialog; aber auch da geht es ja nicht nur darum, was, sondern auch wie und in welchem Zusammenhang etwas gesagt wurde), sondern aus der diffusen Gemengelage eines Erlebnisses, einer Atmosphäre, eines Gefühls. Oft steht uns auch ein Bild vor Augen, doch meist ist es eher verschwommen, und um die Einzelheiten ausmachen zu können, müssen wir uns schon konzentrieren. Und da beginnt die Transformation: Wollen wir unsere Erinnerung zu fassen bekommen, suchen wir nach den passenden Wörtern. Passend einerseits für das, was wir ausdrücken wollen, passend aber andererseits auch für den "Empfänger", also den Leser oder Zuhörer, dem wir unsere Erinnerung zu vermitteln versuchen. Manchmal "sitzt" die Erzählung beim ersten Mal noch nicht richtig, dann wird nachgebessert, sei es, um präziser ein Detail wiederzugeben, sei es, um den "Empfänger" besser zu erreichen. Und langsam, aber sicher verändert sich nicht nur die Erzählung – sondern auch unsere Erinnerung selbst! Aus dem amorphen Gebilde in unserem Gehirn, Abteilung Hippocampus, wird eine zunehmend starre Geschichte oder eben: Fiktion.

"Hoffentlich verschwinde ich nicht zwischen den Sätzen. Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir."

Und hier kommt eine zweite bemerkenswerte Beobachtung des Autors ins Spiel: "Jetzt sitze ich hier und schreibe das auf. Hoffentlich verschwinde ich nicht zwischen den Sätzen. Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir."

Das ist wohl der Preis, den wir bezahlen müssen, um unsere Erinnerungen teilen zu können: Indem wir sie äußern, veräußern wir sie zugleich und entfremden sie uns ... Übrigens kannte schon Goethe dieses Phänomen. Er nannte es "Dichtung und Wahrheit".