Ich spreche, also bin ich

von Jutta Siefarth in Gedanken, Kommunikation

Gedanken zum Zusammenhang von Sprache und kultureller Identität ‒ aus aktuellem Anlass

Wenn es noch irgendeines Beweises bedurft hätte, dass die Ukraine ein eigenständiges staatliches Gebilde ist und nicht der Wurmfortsatz Russlands (oder eher Putins), dann wäre dies wohl die Bemerkung einer Ukrainerin dieser Tage in einem ZDF-Interview: Niemand in der Ukraine spreche zurzeit mehr Russisch, nur noch Ukrainisch, das sei ein Akt des Patriotismus.

Unsere Sprache beeinflusst unser Denken, unsere Kommunikation, unsere Kultur, sogar unsere Wahrnehmung. Und damit unser Zugehörigkeitsgefühl.

Man muss keine Sprachwissenschaftlerin oder gar ein Philosoph wie Descartes sein, von dem der Spruch "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich) stammt, um den Zusammenhang zwischen Sprache und Identität zu sehen (schon gar nicht als Bayer!). Unsere Sprache beeinflusst unser Denken, unsere Kommunikation, unsere Kultur, sogar unsere Wahrnehmung. Und damit unser Zugehörigkeitsgefühl. Das gilt auch für einen vermeintlich einheitlichen Sprachraum: Wer die heutige Jugendsprache nicht versteht, gehört nicht mehr zu dieser Gruppe; wer einen Dialekt nicht beherrscht, tut sich schwer mit der Integration. Andererseits verrät die Art und Weise, wie jemand spricht, viel, wenn nicht gar alles über diesen Menschen und seine kulturelle und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Sprache ist also gemeinschaftsstiftend; sie ist von einer gemeinsamen Kultur geprägt, die sie aber auch ihrerseits formt und verändert, denn Sprache ist nie statisch, sie ist immer in Bewegung, immer im Wandel, stets offen für Neues, woher es auch kommt.

"Das Innewerden ihrer eigentümlichen Sprache brachte ihren Namen hervor, der sie zu einem Volk verband und ihnen Identität verlieh."

Schon in der Antike galt die Sprache als ein, wenn nicht gar als das Definitionsmerkmal eines Volkes. Gerade wir Deutschen leiten übrigens unser Selbstbewusstsein von unserer Sprache her. Weil unsere mittelalterlichen Vorfahren "deutsch" redeten, wurden sie zu den "Deutschen": "Das Innewerden ihrer eigentümlichen Sprache brachte ihren Namen hervor, der sie zu einem Volk verband und ihnen Identität verlieh", schrieb der Mittelalterforscher Johannes Fried in »Der Weg in die Geschichte«. Und auch, wenn niemand mehr so redet wie Walther von der Vogelweide, nennen wir uns doch immer noch Deutsche.

Das Ukrainische, notabene alleinige Amtssprache in der Ukraine, entwickelte sich wie das Deutsche (wenngleich deutlich später, nämlich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts) aus der Volkssprache und brachte es im 19. Jahrhundert zur Blüte, bevor Zar Alexander II. 1876 Publikationen in dieser Sprache verbieten ließ – aus Angst vor separatistischen Bestrebungen! Auch damals sah man also schon einen Zusammenhang von Sprache und Identität.

Der heutige Herrscher Russlands und der Präsident der Ukraine tragen übrigens zufällig den gleichen Vornamen, und doch heißt der eine Wladimir, der andere Wolodimir. Das klingt verwandt (was es ja auch ist, denn beide Sprachen gehören zur ostslawischen Gruppe), aber nicht identisch. Es lebe der feine Unterschied! Es lebe die Ukraine!